Neue Inhalte und interessante Ansätze: Die Reform der Lehramtsausbildung in Baden-Württemberg

Bildungspolitik benötigt manchmal einen langen Atem. Bis beispielsweise Änderungen in der Lehrerausbildung tatsächlich die Schulen erreichen, vergehen mehrere Jahre. So auch bei der in diesem Wintersemester gestarteten Umstellung auf stärker lehramtsbezogene Bachelor- und Masterstudiengänge. Ausdrückliches Ziel der Reform ist es, die Absolventen besser auf den Schulalltag vorzubereiten. Die ersten Absolventen der neuen Studiengänge erreichen aber frühestens im Jahr 2022 den Status eines vollwertigen Lehrers. Die Reform geht dabei weit darüber hinaus, einfach nur einen neuen akademischen Grad zu verleihen. Vielmehr wurde der Stellenwert der lehrerspezifischen Ausbildung gestärkt. Auch inhaltlich und konzeptionell wurden die Studieninhalte an aktuelle Problemlagen angepasst.

Das ist neu in der Lehrerausbildung in Baden-Württemberg

Anstelle des Staatsexamens tritt für die neuen Lehramtsstudenten der Master of Education. Zuvor allerdings muss ein Bachelor-Studiengang erfolgreich absolviert werden. Die endgültige Entscheidung für den Lehrerberuf fällt dabei erst zwischen Bachelor- und Masterstudiengang. Theoretisch ist es nun also auch möglich, den Bachelor zu nutzen, um einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Die inhaltliche Ausbildung wurde zudem stärker an die Situation in den Schulen heute angepasst. So hat das Thema „Deutsch als Fremdsprache“ nicht nur angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik in den letzten Jahren enorm an Relevanz gewonnen. Diese Arbeit soll zukünftig nicht alleine den Deutschlehrern überlassen werden. Vielmehr müssen alle Lehramtsstudenten ein entsprechendes Modul belegen. Selbiges gilt für das Thema Inklusion. Die Einführung von Modulen ist dabei eine weitere Neuerung. Wie bei Bachelor- und Masterstudiengängen üblich wurden die inhaltlichen Themen auf einzelne Module heruntergebrochen. Neu ist zudem die enge Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen im Rahmen so genannter „Schools of Education“

Die Idee hinter der Reform

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer verfolgt mit der Reform im Wesentlichen zwei Ziele: Es sollen vor allem Menschen für den Lehrerberuf gewonnen werden, die dafür eine besondere Motivation mitbringen. Deswegen wurde die endgültige Festlegung auf die Arbeit als Lehrer so weit wie möglich nach hinten verlegt. Wer nach dem Bachelor merkt, dass dies doch nicht das richtige für ihn ist, soll problemlos etwas anderes machen können – und im Idealfall den erworbenen Bachelortitel dabei nutzen. So soll Studenten, die die Lust am Unterrichten verlieren, eine Art Notausstieg aufgezeigt werden. Das zweite Ziel der Reform folgt aus der Beobachtung, dass sich Lehrer heute mit ganz anderen Problemstellungen auseinandersetzen müssen als früher. Die reine didaktische Wissensvermittlung ist zwar weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Sie muss aber durch weitere Kompetenzen ergänzt werden – und zwar unabhängig davon, welches Fach man unterrichtet. Die Lehramtsstudierenden sollen daher frühzeitig solche fächerübergreifenden Querschnittskompetenzen vermittelt bekommen.

Die Probleme der Reform

Das Gegenteil von gut ist oftmals gut gedacht. Während also die grundsätzlichen Absichten der Neuregelungen durchaus sinnvoll erscheinen, kann die Umsetzung dennoch ihre Probleme mit sich bringen. So verweist die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) darauf, dass Bachelorabschlüsse bisher auf dem Arbeitsmarkt noch nicht ausreichend nachgefragt werden. Für viele Studierende dürfte ein Ausstieg daher keine attraktive Option darstellen – selbst wenn sie merken, dass Lehrer doch nicht wirklich ihr Traumberuf ist. Damit wäre aber ein zentraler Bestandteil der Reform in Frage gestellt. Verschärft wird die Problematik dadurch, dass zunächst nur vier „Schools of Education“ eingerichtet werden. Die Zahl der Masterstudienplätze richtet sich also nicht nach der Anzahl der Bachelorabsolventen, sondern steht bereits im Vorfeld fest. Oder mit anderen Worten: Nur die besten Bachelorabsolventen bekommen auch einen Masterplatz. Was die übrigen Absolventen mit ihrem ersten Hochschulabschluss dann anfangen können, ist momentan aber noch schwer zu prognostizieren. Im schlimmsten Fall müssen sich dann zahlreiche Absolventen neu orientieren – obwohl sie eigentlich lieber im Klassenraum arbeiten würden.

Das Landesförderprogramm Lehrerbildung

Die Hochschulen wiederum sollen dazu ermutigt werden, während der Lehrerausbildung auch neue Wege zu beschreiten, um aktuelle Problematiken aufzugreifen. Damit kreative Ideen dann auch zeitnah umgesetzt werden können, wurde ein entsprechendes Finanzierungsprogramm aufgelegt. Unter dem Titel „Landesförderprogramm Lehrerbildung“ wurden daher für die nächsten fünf Jahre insgesamt zwanzig Millionen Euro bereitgestellt.

Fazit: Gute Ideen stehen vor dem Praxistest

Noch ist es zu früh, um ein endgültiges Fazit der Reform der Lehrerausbildung in Baden-Württemberg zu ziehen. Die Idee hinter der Neuordnung sind zumindest einleuchtend und nachvollziehbar. Auch viele Aspekte der Umsetzung sehen auf dem Papier vielversprechend aus – müssen nun allerdings auch den Praxistest bestehen. Insbesondere der Übergang vom Bachelor auf den Master könnte hier zum Problem werden.