Tabuthema an vielen Schulen: Gewalt und Übergriffe gegen Lehrer nehmen zu

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern an Schulen wandelt sich zusehends, wie einige Schreckensmeldungen belegen. Neben Gewalttätigkeiten unter den Schülern richten sich immer mehr Übergriffe und Attacken gegen Lehrkräfte, wie vereinzelt durchsickert. Die Taten reichen von Beschimpfungen, Bespucken bis hin zu massiven Handgreiflichkeiten. Doch viele Schulleitungen beschwichtigen das Problem und die meisten betroffenen Lehrer schweigen zu den Vorfällen. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus und raten dazu, offen mit der Problematik umzugehen.

 

Beispiel: Schülerattacken gegen Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern

Jüngst berichtete der NDR über die steigende Anzahl von Übergriffen in Meckpom. Dort war es im Schuljahr 2014/2015 zu 22 gemeldeten Fällen gekommen. In den Vorjahren lag die Zahl bei zwei bis fünf, was eine deutliche Steigerung vermeldet.
Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass diese sich diese Zahlen auf die offiziellen Meldungen der Schulleitungen berufen. Wie viele Vorfälle es tatsächlich gab, kann nur erahnt werden.
Dieser steigende Trend betrifft im Übrigen nicht nur das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, sondern ist bundesweit zu finden.

 

Beispiel: Gewalt an Schulen in der Bundeshauptstadt

Bereits im vergangenen Jahr wurden aus Berlin erschreckende Zahlen bekannt. Im ersten schulischen Halbjahr 2014/2015 sind 257 Vorfälle gemeldet worden, die sich gegen Lehrer richteten. In den Vorjahren waren es im Schnitt 450 – im gesamten Schuljahr.
Demnach ist auch hier ein Anstieg zu vermuten, der sich mit aktuellen Auswertungen aber noch bestätigen muss.
Zwar sagt diese Statistik nicht aus, ob die Täter alle Schüler waren. Als Angreifer kämen zudem Lehrerkollegen und Eltern in Betracht, was jedoch eher selten vorkommt. Dennoch ist die Anzahl beängstigend und reiht sich in die negative Entwicklung, die bundesweit zu finden ist, ein.

 

Gewaltpotenzial wächst auch bei den Kids

Zwar nimmt der Diplompsychologe Josef Kraus und Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL) die Schülerattacken an Grundschulen mit der Bemerkung: „Die Grundschulen fallen hier raus, da die Kinder einfach noch jünger sind“, aus – doch die Realität spricht da eine andere Sprache.
In Clausthal-Zellerfeld in Niedersachsen wurde beispielsweise eine Lehrerin so stark von einem Grundschüler verletzt, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste.
Die Schulrätin spielte die Angelegenheit herunter und sprach von „Einzelfällen, in denen Gewalt intensiver wird“. Dies käme von „Festhaltesituationen“ zwischen Lehrern und Grundschülern, die dann blaue Flecken hervorrufen würden.
Energischen Widerspruch erntete diese stoische Haltung unter anderem von Jürgen Gottmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW in Remscheid. „Es passiert nicht tagtäglich, aber die Respektlosigkeit, die verbale und körperliche Gewalt gegen Lehrer nehmen an Grundschulen zu“, lautete sein Einwand. Er schöpft sein Argument aus den vielen Erfahrungsberichten von verzweifelten Lehrern, die sich in der Vergangenheit schon an ihn wandten – betont aber, dass die Gewalt von Schülern in ganz Deutschland zunimmt.
„Lehrer sind gefährdeter als früher“, ist eine Einschätzung Gottmanns, die keineswegs ermutigend klingt.

 

Schweigen und Resignieren hilft nicht

Warum die Dunkelziffer der Gewaltattacken gegen Lehrer wahrscheinlich so hoch liegt, sehen Fachleute in der Imagepflege der Schulen begründet.
Doch damit ist niemandem geholfen, am allerwenigsten den Kindern und Jugendlichen, die lernen müssen, Respekt und Grenzen anzuerkennen.
Eine offene Kommunikation mit der Schulleitung, den Lehrerkollegen und nicht zuletzt mit den Eltern der auffälligen Schüler, sind hier eher angebracht. Im Zweifelsfall sollen sich betroffene Lehrer an die Polizei wenden, um gewaltbereiten Schülern ein deutliches Zeichen zu setzen: Stopp, bis hier hin und nicht weiter.
„Es zeigt sich, dass die Rückfallquote bei den Jugendlichen erheblich geringer ist, wenn derjenige relativ früh einen Dämpfer bekommt, als wenn er mit seinem Verhalten immer wieder davonkommt. Pädagogik hat in meinen Augen viel mit Gelassenheit, Nachsicht und Güte zu tun – aber es muss auch klare Grenzen geben“, ermuntert der Psychologe Josef Kraus alle Lehrer, sich zu wehren.
Diese pädagogischen Ratschläge sind von Betroffenen vielleicht nicht leicht zu befolgen. Dementgegen steht aber diese Einschätzung von Kraus, die nicht von der Hand zu weisen ist: „Ob jemand Opfer von Schüler-Attacken wird, hängt auch von der eigenen Persönlichkeit ab. Lehrer und Lehrerinnen, die Autorität und Selbstsicherheit ausstrahlen, werden in der Regel von den Schülern respektiert – im ganz positiven Sinn.“

Bei allem gut gemeintem Rat der Experten für die Lehrer: Es müssen von offizieller Seite Maßnahmen zur Prävention geschaffen werden. Das fordert auch die Bildungsexpertin der Linksfraktion, Simone Oldenburg, und reklamiert zu wenig Hilfe und Unterstützung für betroffene Lehrer, seitens des Ministeriums.